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KLEINES ABC DER CHRISTLICHEN SPIRITUALITÄT

Unter dieser Rubrik werden in lockeren Abständen Begriffe aus dem weiten Feld christlicher Spiritualität kurz vorgestellt. Die Rubrik fährt im Mai weiter mit

"G" wie "Gehorsam"

Das Wort "Gehorsam" weckt bei uns deutschsprachigen Menschen keine besonders guten Gefühle. Es klingt in unseren Ohren hart, fordernd, knechtend, "männlich", ja "militärisch". Wen jemand unbedingten Gehorsam fordert, verlangt er, dass man ihm „hörig“ ist, ja dass man ihm "blind gehorcht", Für den schlechten Klang des Wortes ist sicher nicht zuletzt die Geschichte des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Wohin "Kadaver-Gehorsam" führen kann, hat uns das Dritte Reich in erschreckender Weise gezeigt...

Nun hat das Wort "Gehorsam" in den romanischen Sprachen aber einen ganz anderen Klang: oboedientia (lateinisch), obéissance (französisch), ubbidienza (italienisch) sind allesamt weibliche Worte und erinnern uns daran, dass das Wort auch in der deutschen Sprache noch bis zu Martin Luther weiblich war: die gihorsami (althochdeutsch), die gehorsame (mittelhochdeutsch).

Über diese Brücke gelingt es uns vielleicht, wieder Zugang zum positiven Klang zu erhalten, den das Wort "Gehorsam" auch in der Bibel hat - und wir entdecken dabei seine tiefe "spirituelle Dimension":

Eines Nachts hört der Knabe Samuel eine Stimme, die seinen Namen ausspricht, und er meint, es sei der Priester, der ihn ruft. Doch der war es nicht und schickt ihn wieder zu Bett. Dies wiederholt sich dreimal, bis der Priester merkt, dass Samuel die Stimme in seinem Herzen hört. Er sagt ihm: "Geh, leg dich schlafen, und wenn Er dich ruft, so sprich: Rede, Herr, Dein Diener hört." (1 Samuel 3,9)

Als Maria diese Stimme hört, die ihr ankündigt, dass etwas in ihr wachsen werde, das vom heiligen Geist gezeugt sein werde , sagt sie: "Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!" (Lukas 1,37)

Und als Petrus angeklagt wird, weil er auf diese Stimme gehört hat, spricht er vor dem Hohen Rat in Jerusalem die Worte: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." (Apostelgeschichte 5,29)

Durch solche Texte werden wir daran erinnert, dass im Wort "Gehorsam" die Wörter "Hören" und "Horchen" versteckt sind, dass es in der Spiritualität nicht darum geht, einer menschlichen Stimme "hörig" zu sein, sondern darum, zu lernen, "Gottes Stimme in der Welt zu erhorchen".

"Als mein Gebet immer inniger wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich meinte zuerst, beten sei reden. Ich lernte aber, dass beten nicht bloß schweigen ist, sondern hören. So ist’s: Beten heisst nicht, sich selbst reden hören; beten heisst, still werden und warten, bis der Betende Gott hört." (Sören Kierkegaard, 1813-1855)

Bei einem so verstandenen Gehorsam bin ich bereit, wirklich zu hören: mich zu öffnen und mich einzulassen, zuzulassen und geschehen zu lassen. Es geht um das Geheimnis, dass ich eins werde mit der Stimme, die in meinem Herzen spricht und die mein Herz erhorcht. Dass ich den "Zwang", der dieser Stimme tatsächlich eigen ist, dass ich die "innere Notwendigkeit", die sie mir vorhält, nicht als gegen mich empfinde, sondern als meine "Bestimmung" erkenne und anerkenne. Gehorsam meint, dass ich dieser Stimme vertraue, dass ich ihr "zustimme", dass ich mit ihr in Einklang komme - und dass ich daraus die Konsequenzen ziehe: dass ich dieser Stimme mit meinem Leben antworte.

Bruder Klaus (Niklaus von Flüe, 1417-1487) hat diesen Gehorsam eindrücklich in seinem berühmten Gebet ausgedrückt:

Oh mein Gott
Nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir

Oh mein Gott
Gib alles mir, was mich fördert zu Dir

Oh mein Gott
Nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen Dir

STEFAN SCHWARZ

 

publiziert am 01.05.2010



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