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Gott hatte eine Lebensabschnitts-Gefährtin
 Ein provozierender Titel nicht wahr? Aber wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, Gott sei ausschliesslich männlich zu denken? Schliesslich gibt es in der Bibel eine lange Reihe von Frauengestalten, die - zwar nicht explizit als Göttinnengestalten - einen einen entscheidenden heilsbringenden Einfluss auf die Menschen hatten. Die Mädchengruppe der 8. Klasse hat den Göttinnen im vorderen Orient und den biblischen Frauengestalten nachgespürt. Ein kleiner Eindruck Von Pfr. Ch. Bühler, herresrain@bluewin.ch Das apostolische Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde... Die Bibel, die Kirche denkt Gott männlich. Das war aber nicht immer so, es gab Zeiten, da existierten Frauengottheiten und Jahwe-Gott nebeneindander. Im im vorderen Orient wurden eine stattliche Anzahl von Terrakotta Göttinnen und Skarabäen (kleine Käfer aus Ton gearbeitet) gefunden. Diese Göttinnenfiguren haben parallel zu den Jahwekulten, die im alten Testament beschrieben werden, existiert und sich auch parallel zu diesen Kulten weiterentwickelt und verbreitet. Gott war also nicht alleine, als die Geschichten der Bibel entstanden. Neben dem Jahwegott gab es eine Vielzahl Frauengottheiten, die auch ihre Bedeutung hatten und haben durften. Doch je länger je mehr wurden die Frauengottheiten von den Jahwekulten verdrängt, bis schliesslich 622 vor Christus im Zuge der josianischen Reform die Frauengottheiten aus dem damaligen Kult verdrängt wurden. Doch die Göttinnen lebten weiter, ihre Geschichten sind in die Geschichten des alten Testaments eingeflossen. Die Schülerinnen der 8. Klasse sind diesen alten Geschichten in den Geschichten des alten Testaments nachgegangen. Sie haben verschiedene Frauengestalten des alten und neuen Testaments kennen gelernt und dabei sind sie den Göttinnen des vorderen Orients auf die Spur gekommen. Angefangen bei: Eva Eva heisst wörtlich: Mutter alles Lebendigen, dann Sarah die Frau Abrahams, die über Elohim (wörtlich übersetzt "Götter") lachte, als Abraham die drei Boten bei der Terebinthe von Mamre einen Sohn verhiessen. Dann Hagar die Nebenfrau von Abraham, die dann auf Geheiss Sarahs in die Wüste geschickt wurde. Sie steht für die unterdrückte, ausgebeutete, verstossene, namenlose Frau, die trotzdem Mutter eines grossen Volkes wurde. Weiter mit den namenlosen Töchtern Lots. Sie stehen für alle Frauen, die inzest oder sexuelle Gewalt erleiden mussten und müssen (Auch wenn die gnaze Geschichte in der Bibel beschönigt wurde). Auch sie geben trotz ihrer bitteren Erfahrung Leben weiter, trotz dieser wirklich schwierigen und auch irgendwie widerlichen Geschichten sind sie Mütter von grossen Völkern geworden. Weiter mit Maria Magdalena, sie verkörpert die Erotik schlechthin, sie steht für die Frau als Geliebte. Und schliesslich Maria die Mutter Jesu Sie verkörpert das christliche Bild der Heiligen, der Makellosen schlechthin.
Die Mädchen haben im Religonsunterricht die Göttinnenfiguren kennengelernt und wurden mit den Symbolen, die sie verkörpern vertraut gemacht. Auf Grund des erworbenen Wissens und auf Grund eigener Vorstellungen von Göttlichkeit in Verbindung mit Weiblichkeit, haben sie eigene Terrakotta- Gottheiten geformt, die dann schliesslich dank der liebenswürdigen Mitwirkung von Frau Doris Boschung gebrannt werden konnten. Bilder dieser Figuren finden Sie in der Galerie dieses Berichts. Die Beschreibung einiger altorientalischer Göttinenfiguren finden Sie im Dokument göttinnen.pdf
Der folgende Text ist im Tagesanzeiger vom 22. Dezember 2009 erschienen, er vertieft die Bedeutung der oben genannten Göttinnen.
Gott hatte eine Freundin
Vorchristliche Skulpturen und Inschriften deuten darauf hin, dass die Göttin Aschera als Partnerin Jahwes galt.
Wenn der Schweizer Bibel- und Religionsforscher Othmar Keel darüber referiert, dass Gott Jahwe eine Göttin neben sich hatte, sind ihm positive Reaktionen der Zuhörerinnen gewiss. «Probleme mit dieser neuen Sichtweise haben hauptsächlich Männer», summiert der emeritierte Theologieprofessor der Universität Freiburg. Das verwundert wenig, denn Keel kritisiert: «In der Bibel wird eindeutig von der ‹Menschwerdung› Gottes gesprochen - nicht von der ‹Mannwerdung›.»
Seine Forschung - und das ist das Besondere - erschöpft sich nicht in einer spitzfindigen Auslegung der Bibelworte. Othmar Keel bevorzugt fassbare Indizien, wie sie Archäologen in den letzten zwei Jahrzehnten im sogenannten Heiligen Land - also in Israel und Palästina, im Libanon, in Jordanien und Syrien - zutage gefördert haben. Keel hat eine umfassende Sammlung von Miniaturkunst aus dem altorientalisch-ägyptischen Raum zusammengetragen: tönerne Figurinen, Amulette, Stempelsiegel und Skarabäen, kleine Skulpturen des von den Ägyptern als heilig verehrten Mistkäfers. Vor allem die Siegelabdrücke sind «aufgrund ihres halbamtlichen Status sensible Seismografen für religionsgeschichtliche Verschiebungen», wie Keel festhält. Weit über 12'000 Siegel, Skarabäen und Göttinnen-Statuetten füllen die Schaukästen des von ihm gegründeten Bibel + Orient-Museums in Freiburg.
Kein einzigartiger Gott
Keel kennt sich mit den zahlreichen Göttern aus, die Jahwe bei seinem Einzug in Jerusalem vorfand und mit denen er vermutlich sogar den Tempel teilen musste. Seine Sammlung belegt vor allem den aus Ägypten adaptierten Sonnen- und den aus Vorderasien eingewanderten Wettergott. Die Sonnenscheibe, teilweise geflügelt und flankiert von zwei Begleitern, sowie der Blitz und Donner tragende Wettergott finden sich auf zahllosen Siegeln und Skarabäen. Diese Zeugnisse heidnischer Götter wurden nicht nur in kanaanäisch-palästinensischen und syrischen, sondern auch in israelitischen Siedlungen ausgegraben. Sie umspannen einen Zeitraum von rund 1300 Jahren: von etwa 1800 bis 500 vor Christus. Der Sonnengott wurde mit Recht und Gerechtigkeit verbunden, der Wettergott mit Krieg und Fruchtbarkeit. Unter dem Namen Baal ist Letzterer in der Bibel rufschädigend negativ eingeführt worden.
Hauptsächlich gegen diese beiden Götter musste sich Jahwe behaupten. Der israelitische Nationalgott war keineswegs einzigartig, als er nach Jerusalem kam. Bis er alleiniger Herr im Tempel wurde, verstrichen mehrere Jahrhunderte, endgültig etablierte er sich erst mit den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil um 598 vor Christus. In den Jerusalemer Aufbaujahren wurden Jahwe - was ein Eigenname ist und keineswegs «Herr», «Gott» oder «Gebieter» bedeutet - immer mehr Zuständigkeiten der heidnischen Götter übertragen: Lebensspender und Garant der Gerechtigkeit sind heute nicht mehr hinterfragte Eigenschaften des jüdischen wie christlichen Gottes.
Jahwe wurde mit Eigenschaften heidnischer Himmlischer religiös so «aufgeladen», dass diese irgendwann überflüssig wurden. Einige Widersprüchlichkeiten des einzigen biblischen Gottes lassen sich aus solcher Überfrachtung erklären. «Das ist, was ich zeigen will», sagt Othmar Keel: «Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen dem kanaanäischen Polytheismus und dem jüdischen Monotheismus - und in der Fortsetzung schliesslich mit dem Christentum.» Einer der Hauptkonkurrenten Jahwes in Jerusalem, der kanaanäische Wettergott Baal, hatte eine offizielle Begleiterin namens Aschera. Sie entspricht der vorderorientalischen Göttin Astarte oder Ischtar, zuständig für Tiere, Pflanzen, Leben und Erotik. Ihre Attribute sind stilisierte Bäume und Tiere. Ihre Aufgabe, Leben zu schenken, demonstriert sie auf Siegeln und Skarabäen, indem sie bei Begegnungen mit dem Wettergott ihre Kleider einladend schürzt.
Von Baals zu Jahwes Gefährtin
In den tönernen Statuetten ist Astarte oder Aschera als stolz ihre Brüste präsentierende, freundlich schauende Frau dargestellt. Allein in Jerusalem haben Archäologen über 400 solcher Idole ausgegraben. Demnach wurde Aschera in jedem zweiten israelitischen Haus verehrt. Auch im Tempel war aller Wahrscheinlichkeit nach ein solches Kultbild aufgestellt. Baal verschwindet irgendwann, Aschera bleibt. Und das im 8. und 7. Jahrhundert vor Christus, also 100 bis 200 Jahre nachdem Jahwe eingezogen war. Aschera, altorientalischer Herkunft und in der Bibel übel beleumdet, war fester und selbstverständlicher Bestandteil der jüdischen Alltagsreligion.
Aschera war offenbar nicht nur Idee oder Wesenszug, sondern wurde irgendwann eine feste Beziehung Jahwes: In einer Karawanserei auf dem Sinai aus der Zeit um 800 vor Christus fanden Archäologen an den Wänden und auf Vorratskrügen althebräische Inschriften: «Ich segne euch bei Jahwe und seiner Aschera.» War der jüdische Jahwe mit der kanaanäischen Aschera, Mutter alles Lebendigen, «verheiratet»? Die Vorstellung erschreckt Macho-Theologen.
Othmar Keel kennt die alten Texte gut und weiss deshalb von den «Hinweisen in der hebräischen Bibel, dass im Ersten oder Salomonischen Tempel nicht nur die sogenannte Bundeslade stand, die Jahwe vergegenwärtigte. Auch Aschera dürfte gegenwärtig gewesen sein.» Sein Urteil stützt sich auf handfeste archäologische Funde, die bei genauer Lektüre durchaus ihre Entsprechungen im Alten Testament, also der jüdischen Bibel, haben. Das macht Keels Standpunkt nahezu unangreifbar.
Aschera war lange präsent: Erst 622 vor Christus wurde ihr Kultbild (oder der Heilige Baum als ihr Symbol) vom judäischen König Joschija aus dem Tempel verbannt. Joschija war in der Zeit vor dem babylonischen Exil der vehementeste Promoter für Jahwes Alleinvertretungsanspruch. Keels Fazit: «Die Entfernung der Aschera aus dem Tempel war nur ein Aspekt des Versuchs einflussreicher Kreise in Israel, sich im Zuge des beginnenden Monotheismus von ihren kanaanäischen Wurzeln zu trennen.»
An der Schöpfung beteiligt
Es gelang nicht ganz: Im alttestamentarischen «Buch der Sprüche» taucht nach der Eliminierung Ascheras eine zweite weibliche Gestalt auf, «die Weisheit» (griechisch: sophia). Sie übernimmt einiges von Aschera, etwa die Zuständigkeit für die Fruchtbarkeit und das Baumsymbol. Darüber hinaus war sie Ratgeberin der Herrschenden und an der Schöpfung beteiligt, indem sie den Schöpfergott mit erotischen Scherzen bei Laune hielt. Im «Buch der Sprüche» ist die Überzeugung festgehalten, dass die Welt nicht nur auf dem zielgerichteten, strengen Willen eines männlichen Schöpfers fusst, sondern ebenso auf der verspielten und heiteren Lebenslust seines weiblichen Gegenparts.
Biblische Textinterpretation und wissenschaftliche Archäologie verzahnen sich in dieser Frage so intensiv miteinander, dass Othmar Keel resümieren kann: «Es ist klar: Solange die Frau nicht als vollwertiger Mensch galt, musste der Mann Gott repräsentieren - aber diese Zeiten sind doch nun vorbei.»
Mehr Informationen über die Göttinnen im vordern Orient finden Sie hier
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